KTW_Hochwassereinsatz_31.jpg Bild: Markus Ehrle / DRK
Erfahrungsbericht zum Hochwassereinsatz in Rheinland PfalzErfahrungsbericht zum Hochwassereinsatz in Rheinland Pfalz

Erfahrungsbericht zum Hochwassereinsatz

Rettungssanitäter Yannek berichtet vom Einsatz in Grafschaft

Es ist Donnerstagnachmittag, Punkt 16 Uhr. In meiner Einheit erfolgt die Abfrage wer möglicherweise zur Unterstützung mit einem Krankentransportwagen Typ B ins Katastrophengebiet fahren könnte. Für mich ist sofort klar, dass ich bereit bin. Es hieß wir sollen uns auf einen möglicherweise mehrtägigen Einsatz vorbereiten. Noch während ich Kleidung, Zahnbürste und Taschenlampe einpacke, werde ich von meinem Bereitschaftsleiter angerufen und bekomme neue Infos. So schnell es geht soll ich einen KTW-B besetzen und zum Bereitstellungsraum an die Landesfeuerwehrschule in Bruchsal fahren.

Gemeinsam mit meinem Teamkollegen Oliver machte ich mich auf den Weg dorthin. Nach dem Eintreffen in Bruchsal und der Registrierung vor Ort bekamen wir ein Lunchpaket sowie erste Einsatz-Infos. Wir sollten ins Rund 170 Kilometer entfernte Dörth, um dort vom Hochwasser akut bedrohte Personen aus Einrichtungen wie Kliniken und Pflegeheimen zu retten. Mit insgesamt 26 Fahrzeugen ging es im "geschlossenen Verband" los. Wir waren im hinteren Teil der Kolonne, wodurch sich vor uns ein Meer aus Blaulichtern ergab. Während wir uns gedanklich auf den Einsatz vorbereiteten und dem Schadensort immer näherkamen, konnten wir erste Vorboten dessen sehen, was uns an der Einsatzstelle erwarten würde.

LKWs standen quer auf der Fahrbahn, Wohnwagen hingen wie Spielzeuge auf der Leitplanke.

Über Funk gab es eine Zieländerung, statt nach Dörth sollten wir nun nach Grafschaft fahren, doch der Auftrag blieb derselbe. Rund 2 h dauerte die Fahrt. Als wir in Grafschaft ankamen war es bereits dunkel. Nach einer kleinen Stärkung ging es dann auch schon zur ersten Patienten-Ablage. Wir übernahmen zwei ältere Damen, welche mit einem Radlader aus ihrer Seniorenresidenz gerettet wurden. Leider war nicht klar wohin die Pflegebedürftigen Patienteninnen gebracht werden können, weshalb wir erst gegen 4:30 Uhr unsere Fahrt in eine Betreuungsunterkunft antreten konnten. Wir sollten in eine ca. 35 Kilometer entfernte Schule fahren. Auf dem Weg dorthin mussten wir mehrfach umdrehen und uns neue Routen suchen. Die Bundesstraße war nicht passierbar. LKWs standen quer auf der Fahrbahn, Wohnwagen hingen wie Spielzeuge auf der Leitplanke. Über die Fahrbahn erstreckte sich eine dicke Schlammschicht. Von einer halb eingestürzten Fußgängerbrücke bröckelte Beton auf die Fahrbahn. Nach knapp 70 Minuten Fahrtzeit kamen wir an der Schule an, doch diese Betreuungsstelle war bereits voll und auch nicht für pflegebedürftige Personen ausgelegt.

Wir mussten lange Zeit im Auto vor der Schule warten, bis der leitende Notarzt vor Ort eine Lösung gefunden hatte. Während dem Warten organisierte ich unseren Patientinnen Essen und Getränke. Außerdem half ich den Kamerad*innen von anderen Besatzungen damit, ihre Patient*innen beim Toilettengang zu unterstützen. Gegen 7 Uhr ging es dann endlich weiter. Gemeinsam mit 20 weiteren Fahrzeugen und insgesamt fast 40 Patient*innen fuhren wir in ein ca. 20 Kilometer entferntes Krankenhaus, in welchem eine neu gebaute, noch nicht eröffnete Station extra in Betrieb genommen wurde. Nachdem wir unsere Patientinnen an die Ärzte im Klinikum übergeben hatten, konnten wir in der Cafeteria frühstücken. Im Anschluss haben wir unseren Krankenwagen wieder einsatzklar gemacht und sind zum Bereitstellungsraum in Grafschaft zurückgefahren.

Dort angekommen konnten wir zwei Stunden schlafen, bevor es in ein vom Hochwasser betroffenen Krankenhaus ging. Es gab nur eine einzige Brücke, welche von den Statikern frei gegeben war, um zu diesem Krankenhaus zu gelangen. Doch auch diese Brücke wies schwere Beschädigungen auf. Die Kolleg*innen des THW hatten ein Geländer aus Holz errichtet, da das ursprüngliche nicht mehr vorhanden war. Im Krankenhaus angekommen bot sich uns folgendes Bild: es gab kein fließendes Wasser mehr und nur der Notstrom betrieb ein paar Lampen und die Aufzüge. Überall herrschte eine gespenstische Stille. Wir holten eine ältere Dame aus ihrem Zimmer im siebten Stock und fuhren Sie in ein anderes, nicht betroffenes Krankenhaus. Unsere Patientin war eine der letzten Personen in dem Gebäude. Nach diesem Einsatz kehrten wir abermals in den Bereitstellungsraum zurück und konnten eine warme Mahlzeit einnehmen. Im Anschluss wurden wir gegen ca. 23 Uhr durch die Einsatzleitung entlassen und traten die Heimreise nach Stuttgart an.